TW: Trauma. Dieser Eintrag thematisiert das Tohoku-Erdbeben vom 11. März 2011 und dessen Folgen.
Eigentlich wollten wir an diesem Tag mit der Fähre zur Katzeninsel Tashirojima fahren, doch das Wetter war eher stürmisch mit hohem Wellengang, sodass wir beschlossen, doch lieber an Land in Ishinomaki (石巻) zu bleiben und uns stattdessen die Hafenstadt anzuschauen.
Ishinomaki liegt direkt am Meer und ist geprägt von der Fischerei. Ebenfalls ansässig ist hier das Ishinomori Manga-Museum das dem Namesgebenden und aus der Miyagi Präfektur stammende Künstler Ishinomori Shotaro und seinen Kreationen der Cyborg 009 und Kamen Raider Manga gewidmet ist. Schon am Bahnhof empfangen einen seine Charaktere und vermitteln eine Kindlichkeit die diese Stadt schon bald verlieren sollte.

Man läuft vom Bahnhof zur Küste etwa 30 Minuten, begleitet von regelmäßig platzierten Statuen welche den Weg zum Museum weisen.

Nach einer Anhöhe kommt man zur flachen Küstengegend die seltsam aufgeräumt erscheint.

Es gibt Tage im Leben, bei denen man sich auch Jahrzehnte später noch genau erinnert, wo man war oder was man zu dem Zeitpunkt gemacht hat. Der 11. März ist auch so ein Tag.
Es war in Deutschland am frühen Morgen, zu Beginn des Berufsverkehrs als die Nachrichten zunächst über soziale Netzwerke herein kamen. Ein starkes Erdbeben in Japan, ein richtig Großes. Am 11. März 2011 um 14:46 Uhr Ortszeit ereignete sich das stärkste Erdbeben der japanischen Geschichte mit einer Magnitude von 9,1. Das Epizentrum im Pazifik lag unweit der nördlichen Ostküste der Tohoku-Region auf der Hautptinsel Honshu. Die Erde bebte etwa 5 Minuten lang, was sehr viel länger ist, als es die Japaner gewohnt sind. Das Beben löste einen verheerenden Tsunami aus, der mit bis zu 40m Laufhöhe ca. eine Stunde nach dem Beben auf Japan traf, unfassbare Zerstörung mit sich brachte und die Welt, insbesondere Japan, für immer veränderte.
Als Zeugnis dieses Tages wurde das Schulgebäude stehen gelassen und in eine mahnende Ausstellung umgebaut.

Als die Erde bebte, kauerten die Schüler unter ihren Tischen und warteten auf ein Ende. Als sich der Boden nach unendlich langen Minuten endlich beruhigte, fingen die Lehrer an ihre Schüler auf den hinter der Schule befindlichen Hügel zu evakuieren.
In der Zwischenzeit flohen Tausende Bewohner der an der Küste lebenden Bevölkerung Richtung Berge. Viele suchten Schutz in den oberen Stockwerken der Schule.
Dann kam der Tsunami…
Dieser spülte Autos, Boote und brennende Trümmer zerstörter Häuser mit sich, die an die Schule schwemmten und deren obere Stockwerke in Brand setzten.





Die Bewohner bauten sich Behelfsbrücken aus Tischen und Schränken und retteten sich durch die hinteren Fenster auf den Hügel.
Das Museum hat sich zum Ziel gesetzt das erlebte für kommende Generationen zu erhalten und als Warnung zu dienen. Das die Jahrhunderte vorangegangener Erdbeben nicht ausgereicht hatten um die Menschen vorsichtiger werden zu lassen um sich auf so eine Katastrophe ausreichend vorzubereiten. An den Wänden finden sich immer wieder Texte dazu von denen wir einen hier (übersetzt) Zitieren möchten:
Wir geben unsere Erinnerungen in Worten weiter.
Wir tun dies, weil wir glauben, dass es Leben in der Zukunft schützen wird.„Wir“ sind diejenigen, die ihr Leben verloren haben, diejenigen, die noch vermisst werden, und diejenigen, die noch leben, um sich zu erinnern.
Unsere Erinnerungen sind nicht nur die Erinnerungen an die Katastrophe, sondern auch die
Erinnerungen an das tägliche Leben in den Minuten und Sekunden vor dem schweren
Erdbeben stattfand. Es sind die Erinnerungen eines jeden.
An diesem Tag gingen wir unserer täglichen Routine nach, wie immer, ohne etwas Ungewöhnliches.
Wir arbeiteten wie immer, wir unterhielten uns wie immer mit unseren Nachbarn,
wir lernten im Klassenzimmer wie immer, und wir warteten auf unsere Kinder, die
nach Hause kamen, wie immer.
Jeder von uns lebte sein alltägliches Leben.
In dem Moment, als sich das Erdbeben ereignete, änderte sich das alles.In dem Moment, als der
Tsunami über uns hereinbrach, änderte sich alles.
Unser tägliches Leben war plötzlich verschwunden. Infolgedessen verloren wir so viele wertvolle Dinge.
Aber … warum mussten wir sie verlieren?
Das ist die Frage, die wir uns immer wieder stellen müssen.
Was „wir“, die wir leben, um uns zu erinnern, an die kommenden Generationen weitergeben wollen,
ist wichtig.
Wir möchten, dass Sie darüber nachdenken, was es bedeutet, mit der Natur zu leben.
Wir möchten, dass Sie darüber nachdenken, was es bedeutet, die Heiligkeit des Lebens zu kennen.
Wir möchten, dass Sie darüber nachdenken, wie wichtig es ist, vorbereitet zu sein.
Wir möchten, dass Sie mit uns über diese Dinge nachdenken.
Die erfolgreiche Evakuierung der Schule setzte neue Maßstäbe für Bildung und Probe-Szenarien an Schulen. So wurden zum Beispiel Programme ins Leben gerufen bei denen die älteren Klassen Verantwortung für ihre jüngeren Mitschüler übernehmen müssen, Evakuierungen proben und das Verhalten im Katastrophenfall durchspielen.
Auch zwölf Jahre nach der Katastrophe ist das Ausmaß der Zerstörung an der Ostküste Tohoku’s immer noch präsent und wer die Gegend bereist kommt auch früher oder später damit in Berührung. Bereits bei der Recherche zu Unterkünften und Bus & Bahn fällt auf, wie viele Küstenbereiche einfach „leer“ sind.



Nach Jahren der Trümmerbeseitigung und Wiederaufbaus von Straßen und anderer Infrastruktur wurden überall entlang der Küstenlinie Tsunami-Schutzvorkehrungen wie meterhohe Betonwälle, Fluttore an Flüssen und Häfen und neue Bauviertel auf bis zu 10m höher gelegenen Grund geschaffen. Manche Einheimische sind zurückgekommen, leben seit Jahren in den staatlichen (Not-) Unterkünften oder haben ihr Zuhause wieder aufgebaut – viele sind jedoch nicht.


Wie die meisten größeren betroffenen Städte hat Ishinomaki einen großen Gedenkpark an der Küste errichtet, welchen wir uns im Anschluss angeschaut haben. Entlang des Flusses sind wir schließlich zurück Richtung Bahnhof gelaufen.






Es ist ein komisches Gefühl durch eine fast leere Gegend zu laufen, wissend dass es mal ein ganz normaler Stadtteil war. Man kommt sich auch nach all der Zeit ein bisschen vor wie ein Katastrophentourist (insbesondere als einziger westlicher Tourist). Allerdings freuen sich die Einheimischen sehr über Besucher und man kann so auch die lokalen Geschäfte etwas unterstützen. Wir fanden die Ausstellung zu der Schule und den Park so interessant, dass wir am Ende den ganzen Tag dort verbracht haben. Ganbaro Ishinomaki ❤️
Empfehlung: Wer mehr über die Geschichte des Tsunami entlang der Tohoku-Küste erfahren möchte, kann gerne beim fortlaufenden Bericht von Stefan Schauwecker reinschauen (auf Englisch). Er dokumentiert seit 2011 jährlich die Veränderung und den Wiederaufbauprozess der Region, inkl. Ishinomaki.

